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Bevölkerung will Alterssuizid erlauben

Eine klare Mehrheit der Schweizer Bevölkerung würde die Möglichkeit eines erleichterten Alterssuizids begrüssen. Das ergab eine telefonische Umfrage bei 1004 Personen der deutsch- und französischsprachigen Schweiz, die Léger Schweiz im Auftrag von «reformiert.» durchführte.

Demnach finden 68 Prozent der Befragten die Möglichkeit zum erleichterten Alterssuizid «eher gut» oder «sehr gut». Vor allem die älteste befragte Altersgruppe zwischen 55 bis 74 Jahren will eine liberale Lösung. Dass sie selbst einmal vom Altersfreitod Gebrauch machen, können sich 51 Prozent vorstellen. Definitiv lanciert wurde die Diskussion um erleichterten Alterssuizid mit der Generalversammlung von Exit im Mai 2014. Die Sterbehilfeorganisation erweiterte ihre Statuten mit dem Satz: «Exit engagiert sich für den Altersfreitod und setzt sich dafür ein, dass betagte Menschen einen erleichterten Zugang zu Sterbemitteln haben sollen.»

Ethik. Zurzeit darf Exit die Sterbehilfe nur für hoffnungslos Kranke oder schwer leidende Menschen leisten. Bei einem erleichterten Alterssuizid hingegen könnten auch jene Menschen ein tödliches Rezept erhalten, die gar nicht krank sind, sondern alt und lebenssatt. Damit stellen sich neue ethische Fragen. Zum Beispiel: Wo genau soll die Altersgrenze für den erleichterten Suizid gezogen werden? Die repräsentative «reformiert.»-Umfrage zeigt hierzu kein klares Ergebnis, die Stimmen für eine Grenze bei 60, 70 oder 80 Jahren sind etwa gleich stark.

In eine ethische Grauzone stösst auch die Frage nach dem gesellschaftlichen Druck auf alte oder pflegebedürftige Menschen vor. Diese könnten bei einem erleichterten Zugang zum Sterbemittel meinen, sie müssten rasch und kostengünstig sterben. 65 Prozent der Befragten kann diesem Argument jedoch gar nichts oder eher nichts abgewinnen. Auch dass weniger Menschen den Schritt ins Altersheim wagen, sondern stattdessen Suizid begehen würden, glaubt nur eine Minderheit von 23 Prozent.

Religion. Überwältigender Zuspruch erhält dagegen das Argument der Selbstbestimmung: Menschen sind für sich selbst verantwortlich, deshalb sollen sie auch im Sterben diese Eigenverantwortung wahrnehmen. 77 Prozent der Bevölkerung stimmt hier eher oder sehr zu. Dagegen verblasst für die Mehrheit der Einfluss gesellschaftlicher Autoritäten: Die Lehre einer Kirche zum Alterssuizid halten nur 27 Prozent für eher oder sehr wichtig. Religion solle dem Menschen in Suizidfragen keine Vorschriften machen, finden 71 Prozent.

Klassisch religiöse Argumente, die meist gegen Sterbehilfe und insbesondere den Alterssuizid plädieren, stossen ohnehin auf Zurückhaltung. Das Argument etwa, unser Leben wurde uns geschenkt, deshalb dürfen wir es nicht selbst beenden. 65 Prozent halten es für gar nicht oder wenig überzeugend. Und die These, dass Menschen als Ebenbilder Gottes sich nicht selber töten dürfen, lehnen sogar 76 Prozent ab. Aber es gibt eine Ausnahme. 63 Prozent der Bevölkerung können den Gedanken bejahen: Leiden und Bedürftigkeit gehören zum Menschen, deshalb sollten leidende Menschen nicht unter Druck geraten, sich das Leben nehmen zu müssen. Dieses Argument zumindest ist identisch mit dem christlichen Menschenbild.

Kommentar «Die Verpflichtung bleibt bestehen»
Streitgespräch «Von der Angst, nicht sterben zu können»

Quelle: www.reformiert.info, Reinhard Kramm (Text), Ursula Müller (Bild)