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Fokus 05/2017

Konfirmation: «Jetzt seid ihr erwachsene Kirchenmitglieder»

Samuel Lutz, Pfarrer und ehemaliger Synodalratspräsident, spricht im Interview mit dem «Thuner Tagblatt» über Geschichte und Bedeutung der Konfirmation und erklärt, warum früher die Neukonfirmierten rauchen und Schmuck tragen durften.

Welche Bedeutung hat die Konfirmation in der Moderne überhaupt noch?
Samuel Lutz: Konfirmation bedeutet Bestätigung. Die Kirche bestätigt den Konfirmandinnen und Konfirmanden: Jetzt seid ihr erwachsene Kirchenmitglieder. Als kleine Kinder haben sie bei ihrer Taufe noch nicht über den Glauben entscheiden können, das taten für sie ihre Eltern. Mit der Konfirmation fordert die Kirche die Jugendlichen nun auf, sich über den Glauben künftig selber ihre Gedanken zu machen, und bestätigt ihnen damit, dass sie nun als mündige und erwachsene Gemeindemitglieder angesehen werden, dass die Glaubensfreiheit nun auch für sie Gültigkeit hat und dass sie von sich aus Aufgaben in der Kirche übernehmen dürfen. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden erhalten ihrerseits die Gelegenheit, der Kirche gegenüber ihre Zugehörigkeit zum christlichen Glauben zu bestätigen, so wie das die Eltern und Paten für sie bei der Taufe getan haben.

Im Vergleich zur Taufe ist die Konfirmation relativ jung. ­Warum hat man begonnen, ­Jugendliche zu konfirmieren?
Am Anfang stand die Reformation, die vor 500 Jahren ihren Anfang nahm. Die Reformatoren erkannten, dass die Menschen die Grundlagen des Glaubens kaum oder überhaupt nicht kannten. Das war bei Luther und Zwingli so, später auch bei Calvin. Darum hat man für Kinder und Erwachsene die kirchliche Unterweisung eingeführt. Erst nachträglich kam für die Jugendlichen die Konfirmation hinzu, mit der die Unterweisung abgeschlossen wurde. Das war zur Zeit der Reformation noch nicht allgemein üblich. Heute wird im ganzen Protestantismus konfirmiert.

In welcher Form fand die Unterweisung früher statt?
Der erste kirchliche Unterricht war ganz einfach. Er bestand darin, dass man die Zehn Gebote, das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis auswendig zu lernen hatte und aufsagen konnte. Dazu bedurfte es noch keiner mehrere Jahre dauernden Unterweisung. In Zürich zum Beispiel liess Zwingli die Jugend zweimal im Jahr, an Ostern und im Herbst, zusammenrufen zum Unterricht. Luther schrieb als Handbuch des christlichen Glaubens den Kleinen Katechismus. Dieser wurde in der Kirche von der Kanzel vom Pfarrer und zu Hause vom Vater seinen Kindern und Hausangestellten erläutert. Auch im Katechismus, wie er bald in allen evangelischen Kirchen eingeführt wurde, betreffen die Fragen und Antworten zur Hauptsache die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser. Über das blosse Auswendiglernen hinaus dient der Unterricht anhand eines kleinen Lehrbüchleins dazu, den gelernten Glauben auch zu verstehen.

Wie sehen Sie die Konfirmation als Theologe?
Die Konfirmation ist der feierliche Moment des Übergangs vom Kinderglauben zum Erwachsenenglauben und markiert damit das Mündigwerden im Glauben. Die Konfirmation wurde im Kanton Bern stets mit dem Schulaustritt verbunden. Als das Schuljahr noch im Frühling begann, hat man die Konfirmation an den Sonntagen vor Ostern gefeiert, gelegentlich am Karfreitag, üblicherweise aber am Palmsonntag. Als dann der Herbstschulbeginn eingeführt und der Schulaustritt in den Sommer verlegt wurde, hat der Synodalrat der Synode den Antrag gestellt, sie solle die Kirchenordnung dahingehend ändern, dass künftig die Konfirmation in der Zeit um Pfingsten ­gefeiert wird. Bei Abschluss des letzten Schuljahres liegt für die Schülerinnen und Schüler die Konfirmation damit bereits ein paar Wochen zurück. Von vielen Menschen wird die Konfirmation wohl deshalb vor allem als ein Abschluss verstanden, weil sie auf das Ende der regulären Schulzeit fällt. Das Leben aber und auch das Leben in der Kirche beginnen damit eigentlich erst recht.

Kommen wegen dieser Abschlussgedanken viele Jugend­liche nach der Konfirmation nicht mehr in die Kirche?
Das mag sicher damit zu tun haben. Es ist auch verständlich, wenn Jugendliche nach etlichen Jahren kirchlicher Unterweisung vorerst einmal ihre eigenen Wege gehen wollen. Kommt dazu, dass junge Menschen oft zuerst einige Lebenserfahrung sammeln müssen, um zu erkennen, welche Bedeutung der Glaube für sie hat. Immerhin wird gerade im Bereich der Jugendarbeit mit zahlreichen und unterschiedlichen Angeboten versucht, eine neue Verbindung zwischen den Konfirmanden und der Kirche herzustellen.

Wie hat sich die Konfirmation gewandelt, seit Sie selber konfirmiert wurden?
Einer der grossen Unterschiede besteht darin, dass man heute bereits vor der Konfirmation zum Abendmahl zugelassen ist. Zu meiner Zeit durfte man erst nach der Konfirmation am Abendmahl teilnehmen. Es wird in den Siebzigerjahren gewesen sein, dass das Kinderabendmahl eingeführt wurde und damit die Konfirmation ihre Bedeutung als Admission, wie man das nannte, ver­loren hat. Hingegen war die Konfirmation schon damals, als ich konfirmiert wurde, eng mit dem Erwachsenwerden und damit auch mit einigen Äusserlich­keiten verbunden. So durften die Mädchen zum ersten Mal Schmuck tragen und die Jungen glaubten, von nun an öffentlich rauchen zu dürfen.

Zur Person: Pfarrer Samuel Lutz, früher Pfarrer in Leissigen, war von 1995 bis 2007 Synodalratspräsident der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation hält er auf Anfrage hin Vorträge und Predigten rund um die Geschichte und die Theologie der Reformation und der Reformatoren. Samuel Lutz lebt mit seiner Frau Anne-Marie Lutz-Léchot in Faulensee.

 
Statistik: Immer weniger Konfirmationen

Die Zahl der Jugendlichen, die in der reformierten Landes­kirche konfirmiert werden, ist seit Jahren rückläufig. Auch die katholische Kirche hat ähnliche Sorgen. 1675 Jugendliche wurden im Jahr 2000 im Berner Oberland inklusive Verwaltungskreis Thun konfirmiert. 15 Jahre später waren es noch 1225. Die­selbe Tendenz zeigen die Zahlen bei den Taufen: 2000 waren es 1229 – naturgemäss ähnlich viele, wie 15 Jahre später konfirmiert wurden. Im Jahr 2015 waren es noch 940 Babys, die getauft wurden. Die Zahlen der reformierten Landeskirche haben auch im gesamten Gebiet Bern, Jura, Solothurn eine ähnliche Tendenz: Im Jahr 2000 liessen sich 7546 Jugendliche konfirmieren, 15 Jahre später waren es noch 5172. Oder anders gesagt: Die Zahlen der Taufen, Konfirmationen und Taufen in der evangelischen Landeskirche sind in den letzten 15 Jahren um ein Viertel und mehr zurückgegangen. Die katholische Kirche verzeichnete im Jahr 2000 im Berner Oberland 165 Firmungen von 14- oder 15-jährigen Jugendlichen. 2015 waren es noch deren 116. Auch die Zahl der Taufen ist rückläufig – von 155 im Jahr 2000 auf 108 vor zwei Jahren.

Beliebte Freikirchen

In der katholischen Kirche ist die Firmung das Pendant zur Konf der Protestanten. Sie ist ein Sakrament wie auch die Taufe, die Eucharistiefeier (das Abendmahl), die Trauung, die Versöhnung (früher Beichte genannt), die Krankensalbung und die Weihe eines Priesters oder eines Bischofs. Die Vor­bereitung auf die Firmung erfolgt in Firmkursen. Für Jugendliche finden diese in den Pfarreien statt. Für Erwachsene, die sich firmen lassen wollen, gibt es jährlich einen regionalen Kurs in Bern. Zahlreiche Jugendliche besuchen kirchlichen Unterricht im Berner Oberland in einer Freikirche. Im Einzugsgebiet der Evangelischen Allianz Region Thun, die zwanzig Glaubensgemeinschaften umfasst, schlossen im Jahr 2015 110 junge Leute ihren Unterricht ab – nahezu ebenso viele, wie katholisch gefirmt wurden. Bei den fünf Pfingst­gemeinden Thun, Frutigen, Interlaken, Adelboden und Meiringen schlossen von 2000 bis 2015 durchschnittlich 21 Jugendliche pro Jahr den Unterricht ab. Anders als in den Landeskirchen werden die Babys in den meisten Freikirchen nicht getauft, sondern gesegnet. Die eigentliche Taufe erfolgt, nachdem jemand den Entscheid getroffen hat, das Leben möglichst nach biblischen Massstäben zu leben. Deshalb ist in vielen Freikirchen nicht die Rede von Konfirmation als Bestätigung der Taufe, sondern einfach vom Unterrichtsabschluss, der wiederum mit einem Gottesdienst gefeiert wird.
 
 

Text- und Bildquelle: "Thuner Tagblatt", Therese Krähenbühl, 29.05.2017, Redaktion: Stephanie Keller