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Fokus 06/2015

Thun-Strättligen: «Nach Lampedusa - Wandererfantasien»

Im romantisch-dokumentarischen Musiktheater, das am Sonntag, 21. Juni, in der Markuskirche Thun aufgeführt wird, werden die Grenzen zwischen Vertrautem und Fremdem durchlässig. Eine Schauspielerin, ein Sänger und ein Pianist arbeiten sich durch Akten, Interviews und Anklageschriften aus laufenden Asylverfahren.

Der Text von Ursina Greuel setzt sich aus verschiedenen dokumentarischen Quellen zusammen und zeichnet die Struktur der Interviews nach, in denen Asylsuchende die Legitimität ihres Flüchtlingsstatus kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz belegen müssen. Bürokratische Schematisierung und individuelle Lebensgeschichten treffen aufeinander.

Wer sind die Menschen hinter den Papierstapeln? Durch den Filter des romantischen Kunstliedes, in dem die Themen «Wandern» und «Sehnsucht» zelebriert werden, erproben Ursina Greuel, Daniel Hellmann und Samuel Fried einen differenzierten Blick auf zeitgenössische Geschichten des Auswanderns, spielen Perspektiven jenseits von Klischees und politischer Vereinnahmung durch. Mit Musik von Franz Schubert und einem musikalischen Zugriff auf Sprache werden die Aktennotizen zum Leben erweckt. Gleichzeitig trennt die romantische Musik als bürgerlich-mitteleuropäisches Kulturgut die drei Akteure vom Schicksal der Asylsuchenden. Sie ist ein Übersetzungsversuch in einen Erfahrungs- und Imaginationshorizont, der uns geläufig ist. Und sie kann gar zum Rückzugsort, zu einem Schutzraum der Stilisierung werden. Ist das Publikum bereit, die Konsequenzen aus dieser Annäherung zu ziehen?

Matterhorn Produktionen haben sich in den über zehn Jahren ihres Bestehens einen Namen gemacht durch ihren konsequenten sprachmusikalischen Zugriff auf Theater. Ihre erste Zusammenarbeit mit dem Verein 3art3 – 2012 gegründet vom Sänger und Performer Daniel Hellmann, um spartenübergreifende Projekte mit Künstlern unterschiedlicher Disziplinen und kultureller Hintergründe zu ermöglichen – beschäftigt sich mit unserem Bild von Asylsuchenden in der Schweiz. Plattform für diese Annäherung an eine uns umgebende Parallelwelt sind nicht nur Theaterhäuser, sondern auch Gemeinden und Quartiere mit Asylunterkünften.

Ursina Greuel (Konzept/Text/Spiel), Daniel Hellmann (Konzept/Gesang), Samuel Fried (Klavier), Daniela Lehmann (Oeil extérieur/Produktionsleitung), Jens Seiler (Licht/Technik), Musik von Franz Schubert.

Sonntag, 21. Juni, um 19 Uhr in der Markuskirche Thun. Eintritt frei, Kollekte.

Flyer (pdf)

Quelle: info refbejuso vom 15.06.2015, www.refbejuso.ch